15 Comments

  1. Ein Arzt

    Eine gute Darstellung der gegenwärtigen Situation. Grabenkämpfe zwischen psychotherapeutisch tätigen Ärzten und Psychologen sind hier nicht zielführend. Problematisch ist m. E. die hohe Zahl an Psychologie-Studierenden, die geradezu inflationär anmutet (bspw. via Fernuni Hagen!). Es wird insgesamt vermutlich deutlich über Bedarf ausgebildet. Eine Verknappung könnte hier den Marktwert und damit die Verhandlungsposition des Einzelnen bspw. bezüglich einer PiA-Stelle deutlich stärken. (Hälftige) Zulassungen als PsychotherapeutIn sind derzeit noch verfügbar und mit dem Refinanzierungsaufwand von wenigen Quartalsumsätzen auch immer noch recht erschwinglich. Mir stellt sich die allerdings die Frage, wo danach die vielen psychotherapeutischen Kollegen bleiben werden, wenn der Markt in einigen Jahren „gesättigt“ ist.

    • Esther Bockwyt

      Danke für Ihren Input, diesen Inhalt habe ich schon einmal gelesen, vielleicht ja sogar von Ihnen. Ich halte ihn nicht für zutreffend, da der reale Bedarf an Psychotherapeuten höher ist, als niedergelassene Psychotherapeuten Kassensitze erhalten können und somit verfügbar sind. Der Bedarf wird vermutlich aufgrund gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse auch zunächst nicht sinken. Psychologie ist meines Wissens nach an den Universitäten in Deutschland nach wie vor zulassungsbeschränkt und die Plätze limitiert. Was genau meinen Sie mit der Hagener-Situation?

    • Mr_G

      Ein Psychologiestudium an der Fernuni Hagen berechtigt m.W. nicht zur Aufnahme einer approbationsfähigen Psychotherapieausbildung. Und die NCs ansonsten sind knüppelhoch.

  2. Ein Arzt

    Nein, der andere Input stammt nicht von mir.
    Zu Hagen:
    „Die FernUniversität ist bundesweit die einzige Universität, die einen konsekutiven B.Sc./M.Sc.-Studiengang in Psychologie ohne Zulassungsbegrenzung anbietet. Im laufenden Sommersemester 2015 studieren in den beiden Studiengängen mehr als 15.000 Studierende. Zum Vergleich: Im Wintersemester 2013/14 gab es insgesamt 60.307 Psychologiestudierende in Deutschland (Quelle: Statistisches Bundesamt). In jedem Semester schreiben sich in Hagen 2.500 bis 3.500 neue Psychologiestudierende ein – eine auf hohem Niveau konstante Zahl. Diese enorme Nachfrage führt zu einer hohen Belastung der verfügbaren Lehrkapazitäten. Die FernUniversität legt größten Wert darauf, die hohen nationalen Standards der psychologischen Fachgesellschaften für das fachliche Curriculum nachhaltig zu sichern.“ (Quelle: Homepage der Fernuni Hagen)

    • Lidia

      Mit einem Abschluss an der Uni Hagen ist man nicht berechtigt,eine psychotherapeutische Ausbildung zu absolvieren. Deswegen ist dieser Punkt irrelevant.

  3. Hab den Artikel nur kurz überflogen. War doch ganz schön lang und vieles kenne ich auch selber aus eigener Erfahrung. Ich habe seit 2015 meine Approbation und mich während der Ausbildung mit der politischen Situation auseinandergesetzt.

    Ich hatte das Glück an einer Klinik zu arbeiten an der Psychologen und Assistenzärzte gleichberechtigt gearbeitet haben. Teilweise wurden gerade Psychologen für Ihre therapeutische Arbeit höher geschätzt als Ärzte, eben weil Psychologen schon vielfältige Erfahrungen aus Praktika und Studium mitbringen. Es ist also möglich mit der Gleichberechtigung wenn man denn ehrlich ist und versucht Psychotherapie in einer Psychiatrie zu machen.

    Auch die Bezahlung war fast gleich. Natürlich verschreiben Ärzte Medikamente und machen Dienste. Aber das ist eben auch ein Nachteil zB bei der Kontinuierlichen Behandlung wenn man als Arzt mal da ist und mal nicht.

    Das zeigt es geht und es gibt Orte an denen es anders läuft. Auf der anderen Seite frag ich mich weshalb alle in die großen Städte drängen für Ihre Ausbildung. Ich habe mir mal den Spaß gemacht und ausgerechnet wie sich die Pia Verteilung zur Bevölkerungsverteilung verhält. Und tada: zB in Berlin Sind Pia übermäßig konzentriert. Kein Wunder dass die Kliniken und Institutionen nicht im geringsten daran denken was zu ändern. Also müssen wir uns selber an die Nase fassen. Abstimmung mit den Füßen nennt man das. Damit tun wir uns selber einfach keinen Gefallen.

    Damit will ich nicht die miese Situation rechtfertigen sondern darauf hinweisen dass man zum Beispiel auf dem Land eine recht gute Position in Sachen Gehalt hat. Dort wird gezählt weil nicht genug Leute kommen. Aber dann kann man eben nicht mehr cool im Mauerpark abhängen…

    Ich kann jedem empfehlen sich solange sie flexibel ist einen Ort zu suchen an dem anständig bezahlt wird. Das macht so viel mit deinem Selbstverständnis und deinem Selbstwertgefühl als Therapeut dass du davon lange zehren wirst können.

    Ein zweites Phänomen sehe ich auf Seiten der Pias. Ich nenne es mal „lieb sein“. Wir Pias wollen bloß nicht anecken und mit allen Harmonie haben. Deshalb find ich Esthers Sachen so toll. Sie eckt an macht Fronten auf. Das brauchen wir. Wir haben nix auf die liebe Tour erreicht. Werden wir auch nicht. Wir müssen Drück machen. Viel Druck. Und das wird einigen Leuten nicht gefallen. Aber es ist notwendig. Den Finger in die Wunde legen bis es schmerzt und dann noch weiter rein. Streiks, Protestaktionen, Boykotts, Klagen,… alles was maximale Aufmerksamkeit erregt und maximal negativen Impact auf die Ausbeuter. Es muss weh tun. So wie es für Kliniken weh tut wenn sie verklagt werden.

    Meine (traurige) Prognose: Es wird sich auch die nächsten Jahre wenig daran ändern. Alle verdienen gut daran. Die Pias zahlen artig ihre Beiträge und gehen für lau schuften…

    Außer wir wachen auf und wehren uns mit Klagen, Streiks und nerven die Akteure so lange bis sie unseren Forderungen nachgeben. (So wie Ärzte es machen würden…)

    Auf geht’s!

    • Esther Bockwyt

      Lieber Sandro! Danke erstmal für den Input. Bzgl. der Stadtsituation kann ich sagen: Ich hab zwar im Mauerpark abgehangen, bin dann aber täglich 2,5 Stunden gependelt, um aufs besagte Land zu fahren, um dann ein fürstliches Gehalt in Höhe von 1300 brutto zu erhalten für meine 40-Stunden-Woche als einzige Psychologin auf der Station. Die Lösung kann nicht darin bestehen, aufs Land auszuwandern, zumal, wenn alle oder viele dies täten, ja auch Verschiebungen in Richtung Angebot und Nachfrage entstehen würden. Also, ich schließe mich eher deinen letzten Worten an: Unbequem sein. 🙂

      • Lena

        Ich hatte 2016/17 Vorstellungsgespräche als PiA und zwar in besagten „ländlichen Gegenden“ im bayerischen Raum. Das angebotene Praktikumsentgelt lag zwischen 0 und 560€. Wenn man bedenkt, dass in diesen Gegenden ein Auto (neben Wohnung und Lebensunterhalt) zwingend erforderlich ist, würde ich auch nicht sagen, dass man davon gut leben kann.

    • Enni

      Liebe Sandro,

      ich wundere mich gerade etwas über den Ton, mit dem du über PiAs, die in Großstädten wohnen, sprichst. Erstens ist es ja wohl nicht die Schuld derer, die in Großstädten wohnen, dass Kliniken dies schamlos ausnutzen. Zweitens ist es meiner Meinung nach ziemlich viel verlangt, aufs Land zu ziehen, nur damit man normales, der Ausbildung entsprechendes Gehalt bekommt, vor allem wenn man alleinstehend ist. Es ist bei mir zwar gerade noch nicht aktuell, da ich noch promoviere, aber wahrscheinlich möchte ich irgendwann die Ausbildung machen. Deshalb habe ich schon darüber nachgedacht: prekär in der Großstadt, wo man Freunde hat, oder mit angemessenem Gehalt alleine in der Pampa. Und da frage ich mich schon, was mir wichtiger ist, Anschluss, Freundschaft, psychische Gesundheit (ich weiß, was Einsamkeit so antun kann) und natürlich das Angebot einer Großstadt, oder eben gute Bezahlung.

      Es geht also nicht nur darum, „im Mauerpark abzuhängen“. Obwohl ich das natürlich machen würde. Mit guten Freunden.

  4. Alex

    Hey Esther.
    Differenzierter Artikel. Danke dafür.
    Wie war es in deinem Fall mit der Anerkennung des Praktikums? Meine Info ist dass die erfolgreichen Kläger das Praktikum nicht anerkannt bekommen haben.

    • Esther Bockwyt

      Hey Alex. In meinem Urteil steht geschrieben, dass die Tatsache, dass ich die Bescheinigung über Praktikumsstunden erhalten habe, nichts daran ändert, dass sich Ausbildung und Arbeitstätig nicht ausschließen. Eine Anerkennung war dennoch bei mir nicht mehr notwendig, da ich mich im Anschluss an diesen Teil meines praktischen Jahrs gegen die Weiterführung der Ausbildung entschlossen habe. Ich meine aber, mir sind die wenigen Gerichtsurteile der anderen PIA bekannt und niemand hat aufgrund des Erfolgs die Approbation nicht erhalten können. Ich halte das auch für ein Gerücht, das (so habe ich es bei einer Bekannten erlebt), sogar im Gerichtsprozess dreisterweise von der Klinik als Drohung in den Raum gestellt wurde (im Falle, dass die Klägerin gewinnt, würde man sie bei der Approbationsbehörde melden). Da das Psychotherapeutengesetz diesbzgl. gerade so unkonkret bleibt und in Bezug auf die Bezahlung und anderes nichts regelt, kann es nur rechtswidrig sein, bezahlte Arbeitstätigkeit in Kliniken, die mit einer intensiven Erfahrungssammlung einhergeht, nicht als praktische Tätigkeit anzuerkennen. Wenn du aber anderes, konkretes weißt, schreibt mich gerne an, diese Infos hätte ich dann auch gerne. LG Esther

  5. Rebecca

    Liebe Esther,
    vielen Dank für die klaren Worte! Ich bin selbst PiA und spüre diese Zerrissenheit jeden Tag: Ich bin unzufrieden mit meiner (unserer) Situation und halte selbst aus Angst viel zu oft die Füße still. Ich teile (fast) alle deiner Bedenken (und einiger Kommentatoren) und hoffe sehr, dass wir gemeinsam mit den anderen helfenden Berufsgruppen (Ärzte, Sozialarbeiter, nicht approbierte Psychologen, Kunst- und Ergotherapeuten…) mutig für eine Verbesserung der Arbeitswelt kämpfen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.